Coverabbildung: Forschungsarbeit, „Das Gemeine Wohl im Osten Europas Anfang des 17. Jahrhunderts“ von Inge Auerbach

Inge Auerbach Das Gemeine Wohl im Osten Europas Anfang des 17. Jahrhunderts

Hamburg 2025, 524 Seiten

Zum Shop eBook-Anfrage

Zum Inhalt

Wer fragt, warum Demokratieexport in einigen Ländern erfolgreich möglich ist, in anderen hingegen nicht, stößt auf Mentalitätsunterschiede, die sich aus den unterschiedlichen historischen Erfahrungen von Völkern erklären lassen. Es existiert eine Art „kollektives Gedächtnis“, das sich aus zum Teil sehr alten Elementen zusammensetzt.

Im Mittelpunkt stehen hier übernationale Gemeinsamkeiten ostmitteleuropäischer Gesellschaften an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, die sämtlich durch das Leben in Ständestaaten geprägt waren. Die Institutionen jener Zeit sind vergleichbar, heute jedoch verschwunden. Die damalige Freiheit des Adels entwickelte sich zu Menschenrechten für alle. Als nachhaltiger wirksam erwiesen sich politische Konzepte, die im Aushandeln von Kompromissen zwischen Herrscher und Untertan als Argumentationsmuster sichtbar werden.

Auch in der Gegenwart gelten das Gemeinwohl, die Nation, das Vaterland und – im Falle Polens – die Rzeczpospolita als Richtschnur guter Politik. Bereits im Untersuchungszeitraum waren die auf Reichs- oder Landtagen vertretenen Stände darin eingeübt, eigene Interessen zurückzustellen, finanzielle Opfer zugunsten der Allgemeinheit zu leisten und Kompromisse auszuhandeln. Die Untersuchung zeigt, welche Wurzeln diese damals noch ausschließlich vom Adel erwartete Haltung hatte. Der zentrale Begriff des Gemeinwohls ist eine Besonderheit des römisch-katholischen Kulturraums. Moscovien kannte dieses Konzept nicht, die Hohe Pforte lediglich Vergleichbares (Kreis der Gerechtigkeit).

Um einer auf politischer Propaganda beruhenden Idealisierung der Verhältnisse vorzubeugen, wird am Beispiel Ungarns sowohl in normalen Zeiten als auch in der Krisensituation des Dreizehnjährigen Krieges untersucht, wo Eigennutz vor Gemeinsinn stand. Verbesserungsforderungen orientierten sich häufig an einem idealisierten Osmanischen Reich und verlangten eine Stärkung der Herrschermacht bis hin zum Absolutismus. Zeitgenössische Türken hingegen sahen sich selbst in einer Zeit des Verfalls und forderten ebenfalls Reformen. Unter den Siebenbürgern fanden sich Befürworter einer Verfassungsänderung nach venezianischem Muster.

Zudem gab es überall Aussteiger aus dem System: radikale Christen, die in einer vermeintlichen Endzeit nach dem Vorbild der Urchristen lebten und als Gerechte im Jüngsten Gericht auf ein gnädiges Urteil hofften. Religiöse Toleranz war selbstverständlich. Noch galt im ostmitteleuropäischen Adel politisch und gesellschaftlich Wichtigeres als die Zugehörigkeit zu einer Konfessionsgemeinschaft.

Bibliografische Daten

Autorin Inge Auerbach
Titel Das Gemeine Wohl im Osten Europas Anfang des 17. Jahrhunderts
Seiten 524
Erscheinungsjahr 2025
Erscheinungsdatum 10.04.2025
Ort Hamburg
ISBN (Print) 978-3-339-14314-3
eISBN (eBook) 978-3-339-14315-0
Schriftenreihe Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Band 39

Über Inge Auerbach

Inge Auerbach, geboren 1941, studierte Slawistik, Geschichte und Politologie an den Universitäten Marburg und Kiel. Sie legte das Staatsexamen ab und wurde mit einer sprachwissenschaftlichen Arbeit an der Universität Kiel promoviert. Ab 1970 war sie im höheren Archivdienst am Hessischen Staatsarchiv Marburg tätig. Nach mehreren Forschungsaufenthalten als Austauschwissenschaftlerin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie einer einjährigen Beurlaubung für Archivstudien – insbesondere in Moskau und Kiew – habilitierte sie sich 1980 an der Universität Marburg mit einer Biografie Kurbskijs und war damit eine der ersten Frauen, die dort eine Habilitation erlangten. Anschließend wirkte sie als Privatdozentin und später als außerplanmäßige Professorin parallel in der universitären Lehre und im Archivdienst.

Im Archivdienst sowie als Dozentin an der Archivschule Marburg leitete sie mehrere Kurse zur Erschließung von Archivalien mittels EDV. Diese Projekte dienten insbesondere der Schonung häufig konsultierter Akten, etwa zu den im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf britischer Seite eingesetzten hessischen Soldaten sowie später zu Auswanderungsakten aus Kurhessen. Nach weiteren Forschungsaufenthalten in Moskau (1989) und den USA entstanden daraus mehrere Monografien: eine im Auftrag des Hauses Hessen verfasste Studie über hessische Soldaten im Unabhängigkeitskrieg sowie zwei weitere Werke zur Geschichte der Auswanderung aus Kurhessen. Nach ihrer Pensionierung veröffentlichte sie schließlich im Verlag Dr. Kovač eine umfassende Untersuchung zur Auswanderung aus dem heutigen Hessen.

Ihre Arbeit zum Gemeinen Wohl geht auf Diskussionen mit Gerhard Oestreich während der gemeinsamen Arbeit an einem Lexikonartikel zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn zurück. Ein weiterer Impuls ergab sich aus der Analyse hessischer Verordnungen, die ihr tiefergehende Einblicke in die Entstehung und Durchsetzung gesellschaftlicher Werte vermittelten. Die ursprünglich geplante Einbeziehung Russlands in einen Vergleich mit der ansatzweise ständestaatlichen Epoche des frühen 17. Jahrhunderts konnte nicht realisiert werden, da die Akademie der Wissenschaften der UdSSR ihr den Zugang zu weiteren Archivalien verweigerte.

Weiteres Buch der Autorin

Forschungsarbeit: Von Bauern und Bäckern – Rußland in der Geschichte der Auswanderung aus Hessen Inge Auerbach

Von Bauern und Bäckern – Rußland in der Geschichte der Auswanderung aus Hessen

Zum 250. Jubiläum des Aufbruchs an die Wolga 1766

Hamburg 2017

Erwerbungsvorschläge

Sie können Ihrer Bibliothek auch einen Erwerbungsvorschlag für dieses Buch unterbreiten.

Bibliografische Angaben in Zotero importieren-Import

Mit der Browser-Erweiterung Zotero Connector können Sie die auf dieser Seite hinterlegten COinS-Metadaten direkt in Ihre Literaturverwaltung übernehmen.

Weitere Exportformate für Katalogisierung und Zitation

MARC 21

MARC 21 herunterladen

BibTeX

BibTeX herunterladen

RIS (für EndNote, Zotero, Citavi …)

RIS herunterladen