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Dissertation: Die Europäische Wissens­gesellschaft

Die Europäische Wissens­gesellschaft

Theoretische Grundlagen und ökonomische Einflüsse

Wirtschafts­politik in Forschung und Praxis, Band 77

Hamburg 2017, 572 Seiten
ISBN 978-3-8300-9504-0

EU, Europa, Innovationspolitik, Lissabon-Strategie, Nationale Innovationssysteme, Neue Wachstumstheorie, Volkswirtschaft, VWL, Wissensgesellschaft

Zum Inhalt

Der gesellschaftliche und ökonomische Transformationsprozess der westlichen Industrienationen zu sogenannten Wissensgesellschaften wird in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik intensiv diskutiert. Der Übergang von der Industrie- zur Wissensgesell­schaft, der durch einen grundlegenden Wandel wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Strukturen zum Ausdruck kommt, wird zumeist als gesellschaft­licher Epochenumbruch dargestellt, d.h. als ein Umbruch, der hinsichtlich seiner Intensität und seiner Tiefe auf eine Stufe mit dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft gestellt wird. Wissen wird dabei als die gesellschaftliche bzw. ökonomische Ressource der Zukunft angesehen. Ein erster Anhaltspunkt für den diagnostizierten Wandel ist mithin eine zunehmende Wissensbasierung aller Bereiche und Institutionen der modernen Gesellschaft, aber besonders der Ökonomie.

Ein Ziel dieser Studie besteht darin, den Beitrag der Neuen Wachstums­theorie (NWT) als neoklassisches Paradigma und des Innovationssysteme-Ansatzes (NIS) als systemisch-evolutorisches Paradigma zur Debatte um die Wissensgesellschaft zu untersuchen und ihre über die ökonomische Disziplin hinausgehende politische Bedeutung darzustellen. Die Auswahl der ökonomischen Ansätze erfolgt dabei nicht zufällig: Zum einen stellen sowohl die Neue Wachstumstheorie als auch der Ansatz Nationaler Innovationssysteme die Kategorien "Wissen" und "Bildung" in den Mittelpunkt ihrer Analyse, so dass zunächst davon auszugehen ist, dass sie aufgrund ihres unterschiedlichen Fortschritts- bzw. Innovations­verständ­nisses einen je eigenen Beitrag zum wissensgesell­schaftlichen Diskurs leisten. Die Neue Wachstums­theorie kann die produktionstheoretische Perspektive in der (sozial-)wissenschaftlichen Debatte vertiefen, während der Innovations­systeme-Ansatz diese um einen institutionentheoretischen Erklärungsansatz ergänzen kann.

Darüber hinaus scheinen beide - und dies ist das entscheidende Kriterium - eine unmittelbare politische Relevanz aufweisen. Die Neue Wachstums­theorie wird in Dokumenten von OECD, Weltbank und EU zum Thema Wissensgesellschaft direkt herangezogen, um zusätzliche Investitionen in die Wissensakkumulation bzw. um die politische Förderung von (privaten) Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu legitimieren. Der NIS-Ansatz hat ebenfalls seit den 1990er Jahren eine rasche Verbreitung im politischen Bereich erfahren, was besonders auf Veröffentlichungen der OECD und der EU zurückzuführen ist - aber auch die Weltbank hat den Innovationssysteme-Ansatz mittlerweile aufgegriffen. Die Europäische Kommission beruft sich beispielsweise seit Mitte der 1990er Jahre auf den NIS-Ansatz, um einen Paradigmenwechsel in der europäischen Forschungs- und Innovationspolitik einzuleiten, der durch den Übergang von einem linear-sequenziellen zu einem systemischen und netzwerkbasierten Verständnis von Innovationsprozessen gekennzeichnet ist.

Es ist insgesamt zu vermuten, dass die Perspektive einer "Europäischen Wissensgesellschaft" besonders durch ökonomische Kategorien, Begriffs­definitionen und Zusammenhänge bestimmt wird. Daher stellt sich die bislang unbeantwortete Frage, inwieweit der politische Diskurs auf europäischer Ebene und entsprechende politische Programmatiken durch die gegensätzlichen theoretischen Vorstellungen und Zusammen­hänge dieser bei den ökonomischen Paradigmen geprägt werden und inwieweit dies das in der politischen Debatte entwickelte Verständnis der zentralen Begriffe Wissen, Bildung und Innovation beeinflusst?

Die Aufgabenstellung dieser Studie ist eine dreifache:

(l) diskursanalytisch unterschiedliche Betrachtungsweisen von Wissens­gesellschaft in der (sozial-)wissenschaftlichen Debatte hinsichtlich Konzeption und Begrifflichkeit darzustellen und zu klassifizieren,

(2) auf theoretischer Ebene die zum Teil grundverschiedenen Vorstellungen und Aussagen der Neuen Wachstumstheorie und des Ansatzes Nationaler Innovationssysteme - als zentrale Beiträge der Ökonomie zur Debatte um Wissensgesellschaften - in Bezug auf die Begriffe Wissen und Bildung, die Funktionslogik von Innovationsprozessen oder die Rolle des Staates in der Innovationsförderung herauszuarbeiten (neoklassisches vs. systemisch-evolutorisches Fortschrittsverständnis),

(3) methodisch im Rahmen einer Dokumentenanalyse den Einfluss des neoklassischen und des systemisch-evolutorischen Fortschritts­verständ­nisses auf politische Strategien, Maßnahmen und Instrumente zur Verwirklichung einer "Europäischen Wissensgesellschaft" aufzuzeigen - unter Aufarbeitung der Debatte über Forschungs- und Innovationspolitik auf europäischer Ebene im Rahmen der Lissabon-Strategie (2000-2010).



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